Nach einem Jahr Zusammenleben habe ich mir etwas gegönnt, das andere Leute vermutlich albern finden: Ich habe Brunos Lieblings-Kraulstellen kartiert. Nicht auf Papier. Aber im Kopf, sehr genau.
Die Kraul-Landkarte
Platz eins: das Kinn. Wenn ich ihn dort kraule, streckt er den Kopf nach oben, schließt die Augen und schnurrt in einer Lautstärke, die ein Rasenmäher neidisch machen würde. Platz zwei: die Wangen, direkt hinter den Schnurrhaaren. Dort sitzen Duftdrüsen, mit denen Katzen markieren. Wenn er dort gekrault wird, reibt er den Kopf an meiner Hand und markiert mich als sein Eigentum. Platz drei: hinter den Ohren. Platz vier: die Stelle direkt über dem Schwanzansatz. Dort kraule ich, und er streckt den Hintern in die Höhe wie ein Flamingo.
Bauch? Nur nach Einladung. Und die Einladung ist oft eine Falle.
Die Bauch-Falle
Bruno legt sich auf den Rücken, streckt alle vier Pfoten von sich und zeigt mir seinen weichen, hellen Bauch. Jeder Mensch denkt: Das ist eine Einladung. Ich streichle. Er umklammert meine Hand mit allen vier Pfoten und beißt sanft hinein.
Die Wahrheit ist: Wenn eine Katze den Bauch zeigt, ist das ein großer Vertrauensbeweis – sie zeigt ihre verletzlichste Stelle. Eine Einladung zum Bauchkraulen ist es aber selten. Was Katzen mit Körpersprache sagen, erklärt der Ratgeber Katzensprache verstehen. Ich habe gelernt: Bauch anschauen, bewundern, nicht anfassen.
Wann Schluss ist
Auch beim Kraulen gibt es Grenzen. Bruno zeigt sie sehr klar: Die Schwanzspitze fängt an zu zucken, die Ohren drehen sich leicht zur Seite, das Schnurren wird leiser. Wenn ich dann nicht aufhöre, gibt es einen kleinen, warnenden Biss. Nie fest, aber deutlich. Ich habe gelernt, vorher aufzuhören. Seitdem gibt es keine Bisse mehr – nur noch zufriedene Kater.
Bruno und sein Spiegelbild
Im Juni habe ich einen großen Spiegel im Flur aufgehängt. Bruno hat zwei Tage lang versucht, die fremde Katze dahinter zu erwischen. Er hat hinter den Spiegel geschaut, gefaucht, mit der Pfote gegen das Glas geschlagen und sich dann beleidigt umgedreht.
Am dritten Tag ist er einfach vorbeigelaufen. Ich glaube, er hat beschlossen, dass die andere Katze ihn nicht interessiert. Sehr souverän. Manchmal bleibt er stehen, schaut kurz hin und geht weiter, als würde er einem Nachbarn zunicken, den er nicht besonders mag.
Ein Jahr Federangel
Und die Federangel? Ist nach einem Jahr immer noch Brunos Lieblingsspielzeug. Die dritte Angel ist gerade verschlissen, Nachschub ist bestellt. Wenn ich sie aus der Schublade hole, steht er schon in Lauerstellung, bevor ich mich umgedreht habe.
Was ich in einem Jahr Spielen gelernt habe: Die Beute muss sich verstecken, flüchten und manchmal still liegen – wie eine echte Maus. Zehn Minuten intensives Spiel sind besser als eine halbe Stunde lustloses Wedeln. Und am Ende muss die Katze gewinnen. Bruno beißt dann einmal kräftig in die Feder, trägt sie stolz davon und bekommt ein Leckerli als „Beute“. Wie viele Leckerli am Tag in Ordnung sind, steht im Artikel Leckerli für Katzen. Ich bin großzügig, aber nicht verschwenderisch. Bruno sieht das anders.
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